Natur

HEIDE fragt: [Interview] Tausche Studenten gegen Heidschnucken

Universitätsprofessorin Dr. Barbara Guckes koordiniert nun die Schnuckenherden im Naturschutzgebiet Lüneburger Heide

Frau
Guckes, Sie sind Leiterin der Abteilung Schafzucht und Beweidungsmanagement
beim VNP. Was genau kann man sich darunter vorstellen?


Für den VNP sind auf
einem Gebiet von 5.200 Hektar sechs Heidschnucken- und eine Ziegenherde in der
Fläche unterwegs. Die Beweidung durch die Herden dient der Offenhaltung der
Landschaft, der Heidepflege also. Meine Aufgabe ist die Koordination sämtlicher
Aufgaben, die rund um die Schafzucht und die Beweidung anfallen. Einen Großteil
meiner Arbeitszeit verbringe ich draußen und düse von Herde zu Herde.


 


Das
ist ja ein spannender und außergewöhnlicher Beruf! Wie sind Sie zu Ihrer
Tätigkeit beim VNP gekommen?


Nach einem
Philosophiestudium und meiner Habilitation war ich lange Zeit als
Universitätsprofessorin tätig. Bis ich mir die Frage gestellt habe, was ich
eigentlich wirklich im Leben will. Was würdest du tun, wenn du alles auf der
Welt tun könntest? Die Rückbesinnung darauf, dass in meiner Familie Schafzucht
betrieben wurde, hat schließlich auch mich zu diesem Metier geführt. Mit einer
eigenen Herde war ich selbstständig auf den Elbdeichen unterwegs. Anfang 2017
hat es sich ergeben, dass ich die Stelle beim VNP antrat.





Ist
Heidschnuckenschäferei Ihr Traumberuf?


Ich habe es keinen
einzigen Tag bereut, den Schritt von der Universität in die Schäferei gegangen
zu sein. Für mich war es eine goldrichtige Entscheidung.







Und
aus wie vielen Heidschnucken besteht im Durchschnitt eine Herde?


Fragen Sie einen
Schäfer nach der Anzahl seiner Heidschnucken, wird er die Anzahl seiner Muttertiere
nennen. Dazu kommen noch einmal mindestens ebenso viele Lämmer und einige
Böcke. Im Durchschnitt besteht eine Herde aus etwa 350 Tieren – Muttertieren! Und
damit aus über 500 Schnucken insgesamt. Wie groß eine Herde sein kann, ergibt
sich aus der Stallgröße. Sie muss für die Anzahl der Schnucken passend sein.





Woher
stammt der Name „Schnucke“?


Der Name „Schnucke“
leitet sich von Schnökern ab, sie naschen hier ein bisschen und dort ein
bisschen. Schnökern stammt aus dem Mittelhochdeutschen und bezeichnet eben das Naschen.





Sind
die Heidschnuckenherden eigentlich jeden Tag in der Heide unterwegs?


Die Heidschnucken sind
mit ihrem Schäfer an jedem Tag im Jahr in der Heide unterwegs. Es wird
ganzjährig gehütet.





Welche
Aufgaben fallen im Verlauf eines Schnuckenjahres an?


Wie schon erwähnt, die
Herde ist das ganze Jahr über in der Heide unterwegs. Im Winter, wenn es wenig
Nahrung gibt, wird im Stall zugefüttert. Im Frühjahr werden die Lämmer geboren.
Für den Schäfer ist das eine anstrengende Zeit, in der er Tag und Nacht im
Stall verbringt. Kein Schäfer würde seine Herde in dieser Zeit aus den Augen
lassen wollen. Zusammen mit dem Muttertier kommen die neu geborenen Lämmchen
zuerst in den „Stietz“, eine Einzelbox, in der sich Mutter und Lamm aneinander
gewöhnen können. Denn auch in der Natur würde sich das frisch abgelammte
Muttertier von der Herde separieren. Nach einigen Tagen geht es in eine andere
Box, wo abgelammte Mütter mit ihren Lämmern zusammen sind. Sind die Lämmer
wohlauf, können sie dann bald der Herde zugeführt werden.





Den
Beruf des Schäfers würde man traditionell eher als Männerberuf sehen. Ändert
sich das gerade?


Unter den 15
Schäferinnen und Schäfern des VNP sind fünf weibliche Beschäftigte. Wir
bemerken tatsächlich einen steigenden Anteil an Frauen im Schäfereiberuf. Das
mag wesentlich daran liegen, dass mehr und mehr Maschinen zum Einsatz kommen,
die bei der harten körperlichen Arbeit helfen. Rundballen beispielsweise werden
heutzutage nicht mehr von Hand gerollt. Hier hilft der sogenannte Weidemann.
Dennoch bleibt der Schäferberuf eine körperlich anstrengende Tätigkeit!






Welche
Möglichkeiten haben unsere Gäste, die sich für den Erhalt der
Heidschnuckenherden engagieren möchten?


So merkwürdig das klingt: Ein wesentlicher
Beitrag zum Erhalt der Herden wird geleistet, wenn das Fleisch gekauft wird.
Die Verjüngung der Herden ist von besonderer Bedeutung. Der Erhalt geht
sozusagen durch den Magen. Beim VNP können Gäste eine Heidschnuckenpatenschaft
eingehen, die den Erhalt der Heidschnuckenherden unterstützt.





Das
Fleisch der Heidschnucke gilt ja als regionale Delikatesse. Was ist das
Besondere an Heidschnuckenfleisch?


Das Fleisch ist eine
besondere Spezialität. Es ist dunkler und zeichnet sich durch seinen
charakteristischen würzigen, wildähnlichen Geschmack aus. Das Fleisch ist von
besonderer Qualität und ist absolut naturbelassen. Aufgrund der ganzjährigen
Hütehaltung und des extensiven Gehüts ist das Fleisch sehr fettarm. Die Haltung
ist zudem 100 % artgerecht. Der VNP ist ausgewiesener Biolandbetrieb. Mein persönliches
Lieblingsgericht von der Heidschnucke ist übrigens das Heidschnuckengulasch.





Wo
können unsere Gäste das Heidschnuckenfleisch erwerben?


Es gibt in der Lüneburger Heide mehrere
Fleischereien, die Fleisch und Wurst von der Heidschnucke anbieten. Tolle
Rezepte für die Zubereitung gibt es z.B. im Kochbuch „Lieblingsgerichte aus der
Lüneburger Heide“
. Darin verraten Heidjer und Köche aus der Region ihre
Lieblingsrezepte. Im Urlaub will man sich natürlich auch verwöhnen lassen und
kann köstliche Heidschnuckengerichte nach traditionellen Rezepten aus der
Region in der örtlichen Gastronomie genießen.

Wo kann man den
Heidschnuckenherden begegnen?

In der
Lüneburger Heide gibt es zahlreiche Heidschnuckenherden. Sie zu finden ist
jedoch gar nicht so einfach. Warum? Um ihrer Aufgabe als Heidepfleger
nachzukommen, müssen die Heidschnucken quer durch die Heidegebiete ziehen und
dies auf unterschiedlichen Wegen. Somit haben die Herden täglich eine andere
Route vor sich und halten sich nicht an Wanderwege oder Treffpunkte.

Dennoch
gibt es Möglichkeiten zu Begegnungen mit den Schnucken!

In vielen Orten werden
Landschaftsführungen angeboten, bei denen man eine Heidschnuckenherde in der
weiten Heidelandschaft antrifft. Außerdem gibt es Angebote auf einigen
Heidschnuckenhöfen, den Eintrieb der Tiere in den Stall mitzuerleben und dabei
Wissenswertes über die Heidschnucke zu erfahren. Und natürlich hat jeder Gast
die Chance, unterwegs einer Herde zu begegnen. Hier heißt es: Ohren auf! Oft
kann man die Heidschnuckenherde schon von Weitem hören.

Alle Infos zu
geführten Touren, Ein- und Austrieb und Plätzen, wo die Herden häufig
vorbeiziehen, gibt es hier.