Was ist eigentlich der Sülfmeister in Lüneburg?

Interview mit dem amtierenden Sülfmeister Gerd Bindernagel – "als Gerd I."

Bei den Sülfmeistertagen werden Auswirkungen des Salzes bis heute gefeiert



Die Hansestadt und heimliche Hauptstadt der Lüneburger Heide ist reich geworden durch das Salzmonopol zur Hansezeit.  Der Ruhm und Reichtum Lüneburgs, die reich ausgestattete Altstadt, die prächtigen Bauten, liegen begründet in der Saline unter der Stadt. Bis 1980 siedeten die Lüneburger das Salz.


Durch das Salzmonopol waren in der Hansestadt natürlich viele Menschen mit der Salzgewinnung beschäftigt. Zu den mächtigsten gehörten die Sülfmeister, die Pächter von mindestens 4 großen Siedepfannen waren. Erreichte ein Pächter diese Menge, wurde er feierlich in die Gilde der Sülfmeister aufgenommen und musste ein Aufnahmeritual bestehen. Dieses Ritual lebt bis heute fort, erst als Kopefest (1472 erstmals urkundlich erwähnt), heute in den Sülfmeistertagen.


Die Lüneburger Sülfmeistertage werden traditionell an einem Wochenende im Herbst gefeiert und locken bis zu 60.000 Besucher an. Verschiedene Teams aus der Region treten gegeneinander an und spielen in spannenden Wettkämpfen den Titel des Sülfmeisters aus, der für ein Jahr die Stadt Lüneburg repräsentiert.




Interview mit dem Sülfmeister Gerd I.



Herr Bindernagel, Sie sind amtierender Sülfmeister der Stadt Lüneburg. Doch was ist eigentlich ein Sülfmeister?


Salz spielt in der Geschichte der Hansestadt Lüneburg eine gewichtige Rolle. Es war lange Zeit das wichtigste Konservierungsmittel für Lebensmittel und war daher unentbehrlich. Nicht umsonst wird das Salz auch als weißes Gold bezeichnet. Das Salz wurde in Siedehütten mit Hilfe von Siedepfannen gewonnen, die nur von Siedeberechtigten gepachtet werden konnten. Wenn jetzt ein Berechtigter vier Pfannen gepachtet hatte, wurde er Sülfmeister genannt. Sie genossen ein hohes Ansehen in der Stadt und ihr Wort hatte oft ein höheres Gewicht, als das eines Ratsherren. Diese Tradition wurde erstmals 1472 erwähnt und das letzte Siedehaus wurde erst 1980 geschlossen.


Salz wird heute anders gewonnen. Wie wird man denn ein moderner Sülfmeister?


Die Tradition wurde 2003 wiederbelebt. Salzpfannen, Berechtigungen und Pachten bleiben allerdings Geschichte. Heute Sülfmeister zu werden ist eine Teamleistung. Bei den Lüneburger Sülfmeistertagen müssen sich die Teams im Wettstreit beweisen und das Siegerteam stellt den neuen Sülfmeister.


Und dieses Jahr hat Ihre Mannschaft den Titel errungen?


Ja, wir Marktbeschicker sind dieses Jahr zum neunten Mal angetreten und habenden Titel schon zum siebten Mal geholt. Dieses Jahr mit einer ganz jungen Truppe, alles Kinder von uns Marktbeschickern, die die Wettspiele ganz ohne mich gewonnen haben. Mit viel Einsatz, Geschick, einer Portion Glück und 0,65 Sekunden Vorsprung beim Fassrollen.


Sie haben gar nicht an den Spielen teilgenommen? 


Nein, der Sülfmeister wird von jeder Mannschaft im Vorfeld ernannt. Ich habe mich natürlich vorher mit meiner Frau abgestimmt, denn es fallen ja viele repräsentative Aufgaben an. Ich bin in den Jahren zuvor allerdings öfters gestartet und habe mir meine faire Anzahl an blauen Flecken geholt, gerade das Fassrollen ist nicht ohne – man muss seinen Körper einsetzen und sich zu bewegen wissen. Viele andere Aufgaben müssen im Vorfeld gemeistert werden aber das Fassrollen ist das unangefochtene Highlight. Das wollen die Besucher sehen. Hier ist alles da – Spannung, Action und Drama. Jeder stoppt die Zeit und fiebert mit.


Wie fühlt es sich an, amtierender Sülfmeister zu sein und sich in diese geschichtsträchtige Tradition Lüneburgs einzureihen?


Oh, da muss ich etwas ausholen. Ich fühle mich sehr stark mit der Stadt Lüneburg verbunden. Seit 39 Jahren bin ich Marktbeschicker auf dem Lüneburger Wochenmarkt. Diesen Markt habe ich mit sechs das erste Mal besucht und mit zehn Jahren den ersten Stand gehabt. Ich wollte schon immer gerne Marktbeschicker werden, durch einen tragischen Fall in der Familie bin ich dann sehr früh in diesen Beruf gestartet. Der Kontakt zu den Lüneburgern und den Kunden hat mir immer sehr gut gefallen. Auch der Umgang mit den anderen Marktbeschickern ist fantastisch. Wir sind auf eine Art zwar Konkurrenten, ich empfinde unsere Truppe aber eher als große Familie, auf die ich mich verlassen kann. Lüneburg ist ein Teil von mir, die Sülfmeisterspiele kenne ich seid ihrer Neuauflage in 2003. Der diesjährige Sieg hat mich dann doch sehr überrascht. Trotz unserer erfolgreichen Vergangenheit bei den Spielen, habe ich nicht unbedingt mit einem Erfolg gerechnet, doch dieses junge Team hat alles gegeben und mir dieses Erlebnis ermöglicht. Es erfüllt mich mit Stolz und ich bin dieser Mannschaft sehr dankbar.


Euer Team stellt jetzt schon zum siebten Mal den Sülfmeister. Warum seid ihr so erfolgreich?


Als wir das erste Mal an den Spielen teilgenommen haben wurden wir ein wenig belächelt, da wir die einzige Mannschaft sind, die nicht für das Event trainieren. Ich sage aber immer, wir Marktbeschicker müssen nur die Vorrunde überstehen und wenn es dann ans Handwerkliche geht, dann sind wir ganz vorne mit dabei. Im richtigen Moment den richtigen Griff, das Bein dazwischen und einen blauen Fleck riskieren – das ist das Entscheidende beim Fassrollen. Das kennen wir vom Wochenmarkt, da sind wir schon morgens um 3 auf dem Markt und müssen anpacken – uns gegenseitig unterstützen.


Wo können unsere Gäste Sie als Sülfmeister treffen?


Auf den Stadtfesten und Eröffnungen in Lüneburg und die Weihnachtsmärkte besuche ich auch regelmäßig. Natürlich auch immer auf dem Wochenmarkt am Mittwoch und Samstag. Dann allerdings nicht in meinem historischen Gewand, das wäre viel zu schade. Auf dem Wochenmarkt wird gearbeitet und das Sülfmeister Gewand ist das teuerste Kleidungsstück in meinem Schrank!