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Geschichte: Zu Gast bei Familie Storch

Ciconia ciconia - Meister Adebar

    Durchweg positive Aspekte verbinden wir Menschen mit dem Storch. In der Vergangenheit galt er als Glücksbringer und Symbol für Fruchtbarkeit. Den Kindern wurde erzählt, die Babies brächte der Klapperstorch.


    Das mag an der Eigenart des markanten Vogels liegen, seinen Horst auf erhöhten Plätzen und gerne auch mitten unter uns, auf Hausdächern anzulegen.


    Dadurch lässt er die Menschen sehr unmittelbar an seinem Leben teilhaben, sei es beim Nestbau in schwindelnder Höhe, am lautstarken Begrüßungsklappern des Storchenpaares oder eben auch an seinem Liebesleben.


    "Treu bis an das Lebensende?"


    Dass Störche ihrem Partner lebenslang die Treue halten, ist übrigens ein Ammenmärchen. Vielmehr ist ein Storch oft über Jahre einem Standort treu. Wenn dies auch auf seine Partnerin zutrifft, dann können beide viele Jahre lang ein Paar bleiben. Sonst finden sich neue Partnerschaften. Störche können in Ausnahmefällen über 30 Jahre alt werden und legen durchschnittlich drei bis fünf Eier.


    "Das Zugverhalten des Weißstorches"


    Faszinierend ist für uns Menschen seit jeher das Zugverhalten des großen Schreitvogels. „Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit“, heißt es bereits in der Bibel. Bei uns in Mitteleuropa verbringt er lediglich die Sommermonate und brütet den Nachwuchs aus. Seine Überwinterungsgebiete liegen stattdessen im warmen Süden. Bis nach Südafrika fliegen einige Störche und legen dabei Entfernungen von mehr als 10.000 Kilometern zurück. Zwei bis vier Monate sind sie dafür unterwegs, mit durchschnittlichen Tagesleistungen von 150 bis 300 Kilometern. Wichtige Wegmarken ihrer Reise sind der Bosporus, die Sinai-Halbinsel und das Niltal. Dieser östlichen Route folgen jedes Jahr rund 180.000 Weißstorchpaare, was in etwa dreiviertel der Gesamtpopulation entspricht.


    Die übrigen 50.000 Paare nehmen eine andere Route, überfliegen Frankreich, Spanien und die Meerenge von Gibraltar, um in Marokko und südlich der Sahara Winterquartier zu beziehen. Immer mehr dieser „Westzieher“ überwintern mittlerweile in Spanien und ernähren sich dort vor allem auf Mülldeponien. Sie haben den deutlich kürzeren Weg und sind dementsprechend im Frühjahr auch die ersten, die ihre Brutplätze wieder erreichen.


    "Bedrohungen durch den Menschen"


    Bedroht ist der Weißstorch durch die Trockenlegung von Feuchtgebieten. Die Bestände gingen im 20. Jahrhundert stark zurück. 1907 soll es im Celler Land 87 Brutpaare gegeben haben. Bei der ersten Storchenerfassung im Jahr 1934 waren es noch 33 Paare mit 72 Jungvögeln, doch ihre Zahl nahm stetig ab. Im Jahr 1988 verließen nur drei Jungstörche das Celler Land.


    "Schutzmaßnahmen zur Rettung des Storches"


    Dank umfassender Schutzmaßnahmen und jahrzehntelanger Bemühungen konnte der Weißstorchbestand mittlerweile stabilisiert werden. Einer derjenigen, die tatkräftig mitgeholfen haben, Adebar vor dem Aussterben zu bewahren, ist Hans Jürgen Behrmann. Der mittlerweile pensionierte Lachendorfer Pastor ist Jahrgang 1943. Erste Kontakte zu Störchen hatte er bereits in der Kindheit. Seine Schulferien verbrachte Hans Jürgen Behrmann oft auf dem Bauernhof in Wiedenrode, von dem seine Großmutter stammte. Dort gab es auch ein Storchennest, das sein Interesse weckte. Seit langem engagiert sich Behrmann für den Naturschutz. Ehrenamtlicher Weißstorchbetreuer für den Landkreis Celle wurde er 1988. Seit 2007 betreut er außerdem die Weißstörche im Landkreis Gifhorn.


    "Aufgaben des Storchenbetreuers"


    Während der Hauptsaison ist der Storchenbetreuer fast jeden Tag in seinem Betreuungsgebiet unterwegs. Arbeitsstunden zählt er dabei nicht. Seine Aufgaben sind sehr vielfältig. Er beobachtet das Brutgeschehen und greift in Notfällen ein. Behrmann führt die jährliche Brutstatistik, hilft bei Nestbau- und Schutzmaßnahmen und hält Kontakt zu Nestbesitzern und Beobachtern vor Ort.


    Zu seinen besonderen Aufgaben gehört die Beringung des Storchennachwuchses. Behrmann nutzt dafür einen natürlichen Totstellreflex, den die Jungvögel im Alter von 4–6 Wochen aufweisen. „Wenn sie älter sind, neigen sie eher zum Fluchtverhalten“, berichtet der erfahrene Storchen-Beringer. Unterstützt wird Behrmann von der Freiwilligen Feuerwehr, die ihn mit der großen Drehleiter zum Nest hinaufbringt. Dort werden die Jungstörche zugedeckt, um ihren Stress zu minimieren. Der Vorteil der Beringung ist, dass jeder Jungstorch nun mit einer unverwechselbaren Nummer erfasst und sein weiterer Lebensweg nachvollziehbar wird.


    "Manchmal wird es als Storchenbetreuer auch aufregend"


    Beispielsweise als im September 2001 der Staatsschutz an Behrmanns Tür klingelte und wissen wollte, was die Nachricht „072 T ist abgeflogen“ bedeutet. Ein fehlgeleitetes Fax des Wolfsburger Storchenbetreuers, der nur mitteilen wollte, dass der Storch mit der entsprechenden Ringnummer ins Winterquartier aufgebrochen ist, hatte Behrmann kurz unter Terrorismusverdacht gestellt. Oder 2014, als Behrmann stundenlang nahe der Volksbank in Wesendorf im Auto sitzend auf den Storch wartete. Da kam die Polizei, denn man hielt ihn für einen Bankräuber.


    "Helfende Hände"


    Glücklicherweise kann sich der Weißstorchbetreuer im Celler Land auf engagierte Helfer verlassen. Sie verfolgen das Geschehen am Storchen-Horst genauestens und bangen jedes Jahr aufs Neue mit den heranwachsenden Jungvögeln. Solche „Storchenherbergseltern“ sind Gertrud und Ronald Habermann, in deren Garten in Altencelle seit Jahren ein Storchennest steht. Auf Initiative des Ortsrates wurde es 1994 aufgestellt. Den elf Meter hohen Mast spendete der regionale Energieversorger SVO. Bereits im folgenden Frühjahr war das neue Nest von einem Storchenpaar mit zwei Jungvögeln besetzt. Seitdem brütet in Altencelle mit Ausnahme eines Jahres jedes Jahr ein Paar – meistens mit Erfolg. 44 Jungstörche wurden auf dem Mast bei Habermanns flügge.


    "Die Störche als Familienmitglieder."


    Sehr traurig waren Habermanns, als in den Jahren 2013 und 2014 jeweils alle vier Jungvögel der nasskalten Witterung zum Opfer fielen. Aber im vergangenen Jahr war wieder alles gut. Einer der drei   Jungvögel stürzte bei seinen Flugversuchen zwar in den großen Teich neben dem Storchennest – er konnte sich aber ans Ufer retten und nach einer Trockenpause wieder durchstarten.


    Als „Westzieher“, werden die Altenceller Störche in Spanien oder Nordafrika überwintern und später hoffentlich wiederkommen. Zu ihrem Schlupfort kehren die Jungstörche in der Regel aber nicht zurück.   Bei Familie Storch in Altencelle kommen allerdings öfter mal Jungstörche von anderen Nestern vorbei. „Einer wurde sogar im vorletzten Jahr mit gefüttert“, weiß Ronald Habermann zu berichten. „Wenn unsere Altstörche länger nicht zum Füttern auf dem Nest zu sehen waren“, sagen Habermanns, „haben wir sie in den ersten Jahren auch schon mal in der näheren Umgebung gesucht“. Habermanns sind mit großer Begeisterung und Liebe bei den Störchen und verreisen in der Regel nicht während der Zeit der Aufzucht der Jungstörche. So konnten sie 2009 und 2011 schnell reagieren, als jeweils ein Jungstorch aus dem Nest geworfen wurde. „Die Jungvögel wurden im Nabu-Artenschutzzentrum in Leiferde großgezogen und flogen dann etwa zeitgleich mit ihren Geschwistern ab“, erinnern sie sich.


    Weniger harmonisch ging es im zurückliegenden Storchenjahr am Horst in der Celler Innenstadt zu. Seit 2007 nisten an der Fritzenwiese Störche auf einer abgebrochenen Lärche. Das Ehepaar Bluhm hat mit seinem Balkon einen wunderbaren Logenplatz mit Blick auf das Storchennest. „Einen Sommer ohne Störche können wir uns nicht mehr vorstellen“, sagen Renate und Jens Peter Bluhm. „Wir fühlen uns sehr verbunden mit ihnen – wenn sie wieder abfliegen, fehlt etwas.“


    "Ehestreit bei Familie Storch?"


    Insbesondere Renate Bluhm ist mit viel Herzblut dabei und hat einige Anekdoten zu berichten. „Die Jungstörche lernen das Gefiederputzen von den Altstörchen“, hat sie beobachtet, und: „als der Storch seiner Störchin nach der Eiablage einmal zu aufdringlich wurde, schubste sie ihn kurzer Hand aus dem Nest.“ Unverletzt aber etwas bedröppelt kroch er anschließend aus den Büschen.


    Um die Vögel bei der Erstansiedlung zu unterstützen, hatte Renate Bluhm, auf Anraten des Storchenbetreuers, in Nachbars Garten einen Strohballen deponiert. Die Altstörche nahmen das weiche Polstermaterial dankbar an. „Störche lieben Qualität“ sagte Behrmann zu Frau Bluhm, darum zog sie mit der Gartenschere los und schnitt jenseits der Aller frische Eichenzweige für ihre Störche.


    "Schwerer Start ins junge Storchenleben"


    Auch im Storchenjahr 2016 wuchs vor den Augen des Ehepaars Bluhm ein Jungstorch heran. Vater Storch war bereits am 14. März angekommen. Seine Störchin hatte die längere Ostroute genommen und musste bei ihrer Ankunft am 4. April zunächst eine Konkurrentin vertreiben, die sich bereits eingenistet hatte. Trotz des kämpferischen Auftakts schien alles gut zu werden. Doch kurz vor seinen ersten Flugversuchen erschreckte ein tieffliegender Heißluftballon den Jungstorch, der fluchtartig vom Nest abflog. Leider schaffte er es nicht mehr, aus eigener Kraft zurück ins Nest zu fliegen, sondern irrte an der Straße entlang. Aktive Tierfreunde brachten den Nestflüchter in das Nabu-Artenschutzzentrum nach Leiferde. Dort wurde eine angeborene Schnabeldeformation festgestellt, die das Tier beim Erbeuten von Regenwürmern und Heuschrecken behindern könnte.


    Die konsultierte Tierärztliche Hochschule in Hannover konnte in diesem Fall nicht helfen. Trotz Bemühungen war die Schnabelfehlbildung leider nicht korrigierbar. Überwintert hat der Jungstorch darum im Nabu-Artenschutzzentrum in Leiferde, gemeinsam mit anderen Pflegestörchen. Ob er jemals den langen Flug nach Süden antreten wird, ist offen.